2017

Es war ein wunderschöner Morgen im Mai. Ich war schon vor  sechs Uhr wach und realisierte bewusst die Helligkeit. Durch das Fenster meines Schlafzimmers drangen erste Sonnenstrahlen. Aber etwas fehlte. Ich dachte: „Normalerweise beginnen mit der Morgendämmerung die Vögel ihr Frühkonzert.“ Aber es war und blieb stumm.

Erst im Februar war ich zurück nach Nordfriesland gekommen. In den letzten 30 Jahren hatte ich nur gelegentlich einige Tage in meinem Elternhaus im Herrenkoog verbracht und mich wenig mit der hiesigen Flora und Fauna beschäftigt. Doch jetzt, wieder zu Hause, nahm ich meine neue, alte Heimat mit allen Sinnen wahr.

Stummer Frühling

Was ich hörte, war ein stummer Frühling. Keine Amsel begrüßte den Morgen. Keine Lerchen trällerten in der Sonne über den Feldern. Die zahlreichen Nistkästen an Gebäuden und Bäumen blieben leer. Wo früher nach den Schwalben zahlreiche Fledermäuse die einbrechende Dunkelheit zur Jagd nutzten, blieb jetzt der Himmel leer.

Wovon sollten die Insektenfresser auch leben?

Fuhr ich vor 30 Jahren mit dem Auto nur wenige Kilometer über Land, musste hinterher die Windschutzscheibe von toten Insekten frei gekratzt werden. 2017 musste man höchstens alle sechs Wochen die Frontscheibe reinigen. Früher gab es kaum einen größeren Fehler, als bei Dunkelheit und offenem Fenster das Licht anzuschalten. Ohne Insektenschutzgitter war der Raum binnen Minuten von lichthungrigen Insekten bevölkert. Die Zahl meiner Mückenstiche im vergangenen Jahr lag knapp über Null – und das, obwohl wir aufgrund monatelanger Bauarbeiten keine Gaze vor den Fenstern befestigt hatten.

Traurige Nachrichten

Diese und andere Eindrücke wurden begleitet von einer – für mich – gruseligen Berichterstattung: In den letzten 30 Jahren sei die Biomasse in Teilen Deutschlands um bis zu 80 Prozent zurück gegangen, las ich nicht nur einmal. Die Liste der aussterbenden Tier- und Pflanzenarten sei so lang wie nie zuvor – und die Fluginsekten seien die großen Verlierer des Jahres 2017. Das Bienensterben war nur eine weitere schreckliche Realität.

Ich begann, meine Umwelt hinsichtlich ihrer Qualität als Lebensraum zu betrachten und fand ein trauriges Bild. Die intensiv bewirtschafteten Ackerflächen reichen bis an die Straßenkanten oder Gräben heran. Es gibt kaum irgendwo Blühstreifen, in denen Insekten einen Lebensraum finden. Keine Brach- Flächen, wo Bodenbrüter ihren Nachwuchs aufziehen können. An Straßenrändern und Kleinflächen ohne landwirtschaftlichen Nutzwert wird regelmäßig gemäht, selbst an kaum befahrenen Feldwegen. Kaum eine Blume schafft es bis zur Blüte, geschweige denn bis zur Vermehrung. Und die privaten Grundstücke? Seit sich fast jeder einen Aufsitzrasenmäher leisten kann, sind die Rasenflächen gewachsen. Gepflegte  grüne Felder  – aber aus ökologischer Sicht ebenso tote Flächen wie die großen Mais- oder Grassilage-Äcker. Von Natur keine Spur.

Teil des Ganzen

Aber alle waren entsetzt , als – hoppla!!! – die Glyphosat -Genehmigung um fünf Jahre verlängert wurde.

Das bin ich auch, aber irgendwann bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass man nicht immer nur von anderen (Landwirten, Politikern, Nachbarn…) verlangen kann, etwa zu tun. Dass man nicht immer die Schuld von sich weisen darf. Denn seien wir ehrlich: Jeder kann etwas tun. Was das sein kann, das möchte ich hier präsentieren. Mein Traum ist es, dass jeder Verantwortung übernimmt und selbst etwas tut. Sei aktiv, sei ein Beispiel, ein Vorbild. Du bist Teil des Ganzen, und als dieser kannst du etwas bewirken.